Kurzporträt der Stadt
Leuna - Industrie- und Gartenstadt
Es soll Leute gegeben haben, die Leuna für ein chemisches Produkt hielten, einen Kunststoff oder ein Düngemittel vielleicht. Weit gefehlt! Zwar wurde die Stadt Leuna zweifellos erst im Zuge der Industrialisierung zu dem, was sie heute ist, ihre Ursprünge reichen jedoch bis in die Vorgeschichte des Gebietes am Mittellauf der Saale zurück. Allein der Name Leuna dürfte wohl mittlerweile schon um die tausend Jahre alt sein.
Doch der Reihe nach:
Erstmals wurde hier vor etwa 5.500 Jahren gesiedelt. Rössen, einer der heutigen Stadtteile, gab sogar aufgrund ergiebiger Grabungsfunde einer jungsteinzeitlichen Kultur den Namen. Bis in die Schweiz, nach Frankreich und Belgien war die Rössener Kultur einst verbreitet. Und nach spätere Epochen bis hinein in die Römische Kaiserzeit hinterließen ihre Spuren in Leuna. Überhaupt gilt Leuna als einer der bedeutendsten archäologischen Fundorte der Region.
Später entstand die Dörfer Kröllwitz, Daspig, Göhlitzsch, Rössen, Ockendorf und eben Leuna, slawische Siedlungen zumeist. Als "lunowe" tauchte Leuna erstmals in einer Urkunde auf, und darin nun soll das altslawische Wort für Rundung, für Busen stecken. Durchaus plausible, betrachtet man den weiten Bogen, den der Saalelauf hier in der Auenlandschaft markiert.
Jahrhundertelang prägte die Landwirtschaft die Ebenen südlich der alten Dom- und Schlossstadt Merseburg. Mitten im Ersten Weltkrieg suchten Großindustrielle aber nach einem geeigneten Standort für ein Werk, das die Sprengstoffproduktion des Deutschen Reiches sichern sollte. Aufgrund der günstigen Rohstoffe- und Energiebasis, einer guten Verkehrsanbindung und nicht zuletzt der Lage weit im Hinterland der damaligen fiel die Wahl auf hiesige Gemarkungen. Und so entstand in Rekordbauzeit von nur elf Monaten einer der größten Chemiebetriebe Europas, das Ammoniakwerk Merseburg, das alsbald Leuna - Werke heißen sollte.
Weltweit erstmals wurde hier Ammoniak großtechnisch aus Luftstickstoff gewonnen. Dies bleibt jedoch beileibe nicht die einzige innovative Leistung. Nicht von ungefähr sind mehrfach sogar Nobelpreise für Leunaer Forschungen und Produktionsanwendungen vergeben worden. Die Kehrseite der chemischen Großproduktion war eine unübersehbare Umweltverschmutzung. Insbesondere in den späten DDR-Jahren galt die gesamte mitteldeutsche Chemieregion als berüchtigt. Nach abgeschlossener Reprivatisierung der Leuna-Werke genügt der nunmehrige Chemiestandort Leuna jedoch längst bundesdeutschen Umweltnormen.
In Leuna wurden die Dächer wieder rot und die Gärten wieder grün. Und glaubhaft klingt täglich mehr und mehr, was noch vor wenigen Jahren bestenfalls als Ironie verstanden worden wäre: Leuna gilt als größte Gartenstadtanlage Europas.
Mit dem Werk war die Werkssiedlung Neu-Rössen entstanden. Gelegen zwischen dem Industriegelände und den alten Dörfern am Saalebogen, sollte sie der aus ganz Deutschland, vor allem aber aus dem Stammwerk Ludwigshafen, aus der Pfalz also, rekrutierten Stammbelegschaft, eine neue Heimat sein. So erwuchs eine Mustersiedlung mit beispielhaften städtebaulichen Strukturen, sozialen, schulischen, sportlichen, medizinischen, kirchlichen und kulturellen Einrichtungen, unmittelbar wie im übertragenen Sinne vermittelnd zwischen alt und neu, zwischen Herkunft und Zukunft gleichsam. Tatsächlich bildet die Werkssiedlung mit den ursprünglichen Siedlungskernen zuerst einen Zweckverband, dann eine Großgemeinde und zu guter Letzt, ab 1945, eine Stadt. Und die hieß selbstredend nicht Neu-Rössen, sondern Leuna.
Dabei war das Gründungsjahr der Stadt Leuna wohl zugleich das schwerste ihrer Geschichte. Auch zweiten der Weltkriege hatten die Leuna-Werke strategischen Planungen, dieses Mal insbesondere hinsichtlich der deutschen Treibstoffproduktion, zu genügen. So gerieten die Produktionsanlagen ins Fadenkreuz verheerender alliierter Bombenangriffe. Getroffen wurden hingegen auch die Wohngebiete. Bei Kriegsende glichen Ort wie Werk einer Trümmerwüste. Ungebrochen blieb jedoch der Aufbau- und Erneuerungswille der Leunaer. Wie ein Altraum mutete insofern mittlerweile an, dass die Stadt in den 80er Jahren allmählich zu verfallen drohte, alles buchstäblich grau in grau erschien. Aber wie gesagt: Mit der Wende wurden in Leuna die Dächer wieder rot und die Gärten wieder grün.
Der Chemiestandort stabilisiert und etabliert sich zusehends; Infrastrukturen sind bzw. werden auf hohem Niveau modernisiert; Bürger engagieren sich spürbar in Vereinen oder Initiativen; seit 1994 vergibt Leuna gemeinsam mit der Stadt Merseburg in Würdigung des Mannes, der Leuna zum literarischen Ort erhob, sogar einen Literaturpreis - den Walter - Bauer - Preis; traditionsreiche Freizeiteinrichtungen wie das weiterhin bekannte Leunaer Waldbad haben nach aufwendiger Sanierung zweifelsohne an Attraktivität gewonnen; und nicht zuletzt könnte die interessante Lage im aufstrebenden Ballungsraum Leipzig-Halle, gepaart mit all den Leunaer Besonderheiten, zur weiteren Entwicklung der Stadt, will sagen: der Industrie- und Gartenstadt beitragen.
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