Der Bauernstein von Göhlitzsch - Version I
Schreibtisch, Gerichtsstätte, Thingstätte- seit vielen Jahrhunderten wird der steinerne Dorf-Stammtisch bereits genutzt und dies zu unterschiedlichen Zwecken, aber früher meist für Dinge, die die öffentliche Gemeinschaft betrafen.
Mancher Nutzungszweck der von Menschenhand errichteten Versammlungsstätte, die aus steinernen Sitzbänken und einen (schreib-) Tisch besteht, ist überliefert worden. So wurde hier von den Bauern und Schuldheißen Recht gesprochen, und auch Abgaben-, Erbschafts- und Grundstücksangelegenheiten wurden geregelt. In allen Zeiten war der Bauernstein immer die öffentliche, zentrale Stelle, die über lange Zeit hin Bestand hatte und somit auch Sicherheit schuf. Von vielen Generationen wurde der Bauernstein benutzt, und schließlich fragte man auch nach den Alter des Steines, der schon von Beginn der Welt an hier an dieser Stelle gelegen zu haben schien.Doch genauso wenig wie das Alter der Bauernsteines bisher bestimmt werden konnte, ist nachvollziehbar, aus welcher Zeit die folgende Sage stammt.Der Teufel und Gott hatten sich eines Tages auf der Erde getroffen, um festzustellen, wo der schönste Platz sei, an dem man sich zu Hause fühlen konnte. Eine Weile waren sie schon umhergezogen, und nun kamen sie an den Bauernstein, der mit seinen Sitzbänken und dem Tisch zum Ausruhen einlud. Beide ließen sich nieder, wollten ein Weilchen ausspannen und nachdenken, welche Ortschaft ihnen bisher am meisten zugesagt hatte.Jeder machte schließlich seine Vorschläge, doch kamen sie nie zu einen einstimmigen Ergebnis. Weiter grübelten sie nach und vergaßen darüber die Zeit, und erst ein Bauer, der in der Nähe sein Heu einfuhr und sie eine Weile beobachtet hatte, erregte plötzlich ihre Aufmerksamkeit. Gott winkte den Bauern zu sich heran und erzählte von ihrer Suche nach dem schönsten Platz. Gott sagte, dass der schönste Ort für ihn der Himmel sei und er ein vergleichbares Fleckchen auf der Erde noch nicht gefunden habe. Der Teufel schwärmte aber von der Hölle und fragte den Bauern, ob er nicht mit ihm dorthin kommen wolle.Der Bauer bekreuzigte sich sofort, und daraufhin verschwand der Teufel unter lautem Fluchen. Gott amüsierte sich darüber, und als der Bauer nun noch meinte, dass für ihn der schönste Ort auf der Welt hier am Bauernstein sei, da stimmte er ihm zu. Er versprach ihm, vom Himmel aus, für die Zukunft immer ein wachsames Auge auf diese Gegend zu haben.Der Teufel aber wurde in der Gegend um Leuna nicht mehr gesehen.
Der Bauernstein von Göhlitzsch - Version II
Mitten im Dorf steht behäbig und breit ein großer Steintisch. Rundum laden Steinbänke zum Sitzen ein. Tagsüber halt der Platz wieder von fröhlichen Kinderlachen. Um Mitternacht aber steigen beim Rauschen der alten Kastanie die Geister vergangener Zeiten hervor und stehen mit hohlen Wangen im Mondschein um den Stein.
1. Bild: Trompetenton hat sie aus dem Frieden ihrer stillen Gehöfte geweckt. Fremde Reiter halten am Stein. Mann um Mann treten die Bauern herzu. Sie ahnen nichts Gutes. Ihre Gesichter sind stumm und ernst. Mit harten Worten schallt die Forderung der Fremden an ihre Ohren: „Sofortige Lieferung von Getreide, Heu, Futter, Lebensmitteln! Fahrzeuge zum Abtransport stellen die Bauern.“ Mögen sie fluchen und grimmig die Fäuste ballen. Das Dorf steht in Gefahr, so müssen sie sich beugen. - Kriegsnot -
2. Bild: Jetzt tritt in Schnüren und Tressen ein Sergeant hervor. Sein gewirbelter Knebelbart starrt nach beiden Seiten. Neben ihn hämmert ein Tambour das gespannte Trommelfell. Links von ihm sitzt auf der Steinbank ein Soldat mit einer großen Liste. Nun kommen die Burschen und Männer aus dem Dorf herbei. Neugier treibt sie. Da erhebt sich der Sergeant. Sein scharfer Blick überfliegt die Versammelten. Jetzt erhebt er seine Hand. Es wird still ringsum. Weithin tönt seine Stimme: „Seine königliche Majestät braucht Soldaten, tapfere Soldaten.“ Und nun schildert er das fröhliche Soldatenleben, dass es den Männern heiß in den Gliedern zuckt. Ihr Leben isst zu eintönig gewesen. zwischen Acker und Stall spielt es jahrelang. Misswachs und Seuchen brachten oft bittere Not. Jetzt lockt die Ferne mit klingenden Gold, sorglosem Dasein und farbigen Abenteuern. Schon treten die ersten herzu und setzen mit ungelenken Fingern ihren Namenszug unter das Werbeblatt. Fort geht´ s dann aus Heimat und Dorf. Mag die Mutter weinen! Wer weiß, wo in der Ferne die Raben und Füchse seine Knochen benagen.
3. Bild: Wieder ändert sich das Bild. Hinter dem Steintisch, im hohen Lehnstuhl, thront der Gutsherr. Neben ihm der Schaffer. Die Bauern stehen ringsum. Namen um Namen wird aufgerufen. Hier schleppt ein altes Mütterchen zwanzig Taler herbei, die es in einem arbeitsreichen Leben erspart hat, um ihren Sohn freizukaufen. Ein anderer hat von dem Ertrag seines Hofes etwas in der Stadt zum Verkauf gehalten, ohne es vorher dem Gutsherren angeboten zu haben. Der Schaffer ordnet ihm die Strafe zu. Ein Dritter hat einem Freunde zur Flucht verholfen, dass er sich in einen fremden Bezirk ansiedeln konnte. Zehn Hiebe auf den nackten Rücken und eine empfindliche Buße an Geld treffen den Schuldigen. So werden Vergehen um Vergehen geahndet. Der Schaffer schlägt das Strafmaß vor. Der Gutsherr nickt meist Gewährung. Selten nur greift er ein und verschärft oder vermildert die Strafe.
Die Glocke vom kleinen Kirchlein schlägt eins. Da ist der Spuk verschwunden. Nur in der alten Kastanie rauscht es, und die Steine nicken stumm. Sie könnten ja so viel erzählen aus alten, alten Zeiten.
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